AUS DER PRESSE: Spiegel-online – Dürre in Deutschland

Landwirte in Not

Mit Geld gegen die Dürrefolgen – wem hilft das wirklich?

Die anhaltende Dürre vermiest vielen Landwirten in Deutschland die Ernte. Der Bauernverband verlangt deshalb eine Milliarde Euro Hilfe vom Staat. Die Bundesregierung zögert noch. Ist die Forderung berechtigt?

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Bei vielen Landwirten gilt derzeit das Motto: Wir retten, was noch zu retten ist. Viel früher als üblich wurde Getreide geerntet – und sogar der Mais, der normalerweise erst im September dran ist, wird derzeit vielerorts schon eingefahren.

Vor allem in Nord- und Ostdeutschland rechnen viele Landwirte mit massiven Ernteeinbußen. Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, sieht eine Ausnahmesituation und fordert Hilfen von rund einer Milliarde Euro für Landwirte. Wie schlecht geht es den Bauern wirklich? Und wie viel Geld bräuchten sie? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Welche Bauern und Regionen sind besonders betroffen?

Besonders Erzeuger von Getreide, Kartoffeln und Mais klagen über eine schlechte Ernte. Das gilt jedoch nicht bundesweit. In Teilen Bayerns und Schwaben etwa rechnen Bauern mit seiner sehr guten Maisernte. In Nordrhein-Westfalen dagegen haben sich in vielen Gebieten beim Mais die Blätter eingerollt, oft sind nur sehr kleine oder gar keine Kolben an den Pflanzen.

Grundsätzlich hat die Hitze und Trockenheit vor allem die Landwirte im Norden und Osten schlimmer erwischt. Manche Getreidebauern sprechen gar von der schlechtesten Ernte seit 30 Jahren. Auch Weideviehhalter sind betroffen. Die Tiere finden auf den verdorrten Wiesen nichts mehr zu fressen, darum zapfen die Landwirte bereits ihre Futtervorräte für den Winter an. Die Marktbeobachter von der Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) berichten, dass verstärkt Rinder zur Schlachtung gegeben werden, um den Futterbedarf zu senken.

Auch Waldbesitzer bekommen die Hitze zu spüren. Die Forstwirtschaft fürchtet, dass wegen der Trockenheit Millionen neu gepflanzter Bäume absterben.

Nicht klagen können dagegen Winzer und Obstbauern. Sie rechnen in diesem Jahr vielerorts mit einer sehr guten Ernte.

Wie wird der Schaden errechnet?

Der Bauernverband gibt jährlich eine Ernteprognose heraus. Anfang August korrigierte der Verband seine Erwartungen noch einmal deutlich nach unten. Dabei seien „in großem Umfang die tatsächlichen Erntemengen“ bereits einbezogen worden, hieß es.

Fragt man den Bauernverband nun, wie er auf die geforderte Milliarde Euro komme, bleibt er vage. „Der gesamte Schaden durch die Dürre wird bedeutend größer sein“, sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken dem SPIEGEL. „Allein beim Getreide schätzen wir inzwischen die Einbußen im Vergleich zu den Vorjahren auf etwa eine Milliarde Euro, hinzu kommen die Ausfälle bei anderen Kulturen und insbesondere die Ausfälle bei der Futterversorgung.“

Das Bundeslandwirtschaftsministerium gibt sich in Sachen Hilfen noch zurückhaltend. Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) will erst über Nothilfen entscheiden, wenn mit dem Erntebericht im August eine Bilanz vorliegt. Für die Ermittlung der Zahlen seien die Statistikämter zuständig.

Der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff, kritisiert diese abwartende Haltung. Er hat dabei vor allem Betriebe mit Futterbau und Viehhaltung im Blick. Viele Rinderbesitzer müssten schon jetzt Wintervorräte verfüttern. „Ich kann den Zorn der Bäuerinnen und Bauern verstehen“, sagte er dem SPIEGEL. So verfüge das Ministerium über ein Testbetriebsnetz, das zeitnah Daten der teilnehmenden Höfe liefern müsste. Den betroffenen Betrieben müsse schnell geholfen werden, fordert Ostendorff. „Ich glaube aber nicht, dass es eine Milliarde Euro erfordert“, sagte er mit Blick auf die Forderung des Bauernverbands.

Der Agrarexperte Friedhelm Taube von der Universität Kiel hält den Vorstoß des Bauernverbands dagegen für „politisch nicht klug“. „Zu diesem Zeitpunkt solche Zahlen herauszugeben, ist nicht seriös“, sagt er.

Welche Betriebe sind auf Hilfen angewiesen?

„Wie das Resultat der Dürre ausfällt, wird man erst in sechs bis neun Monaten sagen können“, sagt Agrarexperte Taube. Er plädiert dafür, das Gesamtergebnis der Dürre-Folgen abzuwarten. Denn bei den Ackerbauern sind zwar aktuell erhebliche Ertragsausfälle zu verzeichnen, dafür zeichneten sich aber schon jetzt höhere Marktpreise ab, die den Ernteausfall zumindest teilweise kompensieren könnten.

Bei den Milchbauern werde sich das Resultat erst in einigen Monaten zeigen. Neben den Milcherzeugungsregionen in Westeuropa sind auch Landwirte in Australien und Neuseeland von Dürre betroffen. Aktuell reduzieren Bauern also in mehreren Weltregionen ihre Rinderbestände, um Futter einzusparen. Der Effekt dürfte sein, dass die Milchmenge sinkt. Entsprechend würden die Milchpreise wieder steigen – und die Landwirte entsprechend wieder mehr Geld verlangen können. Dieses Preissignal käme aber bei der Milch wesentlich später als beim Getreide.

Experte Taube sieht die geforderten Staatshilfen kritisch. „Natürlich ist es ein ausgesprochen schwieriges Jahr“, sagt Taube. „Aber wenn ein Betrieb nach einer Dürreperiode nicht mehr zahlungsfähig ist, dann war das Betriebsmanagement schon vorher nicht optimal.“

Auch Grünen-Politiker Ostendorff ist überzeugt, dass gerade die Ackerbauern einen Teil ihrer Ernteeinbußen über Marktpreise kompensieren können. Ihn treibt aber die Frage um, was etwa mit Höfen mit Weiderindhaltung passiert. In vielen dieser Betriebe seien Futtermittel schon jetzt knapp, der Markt sei leer. Wie die Futtermittelernte im Spätsommer ausfalle, bleibe unklar. Und die aktuellen Schlachtpreise für Rinder seien schlecht.

Agrarexperte Taube verweist in solchen Fällen auf das Beispiel Australien. Dort helfe die Regierung den Milchbauern nicht mit Direkthilfen aus, sondern subventioniere die Transportkosten für Futter. Dann könne auch Futter von weit her angeschafft werden, die Bauern müssen nicht schlachten und können dann auch wieder schneller vom Milchpreisanstieg profitieren.

Wie könnten Hilfen konkret aussehen?

Bevor über eine Summe entschieden wird, muss zunächst geklärt werden, wer überhaupt zahlen soll. Das Bundeslandwirtschaftsministerium verweist darauf, dass für Hilfsmaßnahmen bei außergewöhnlichen Naturereignissen die Länder zuständig seien. Erst wenn die Dürre als „Ereignis von nationalem Ausmaß“ eingestuft werde, könne der Bund einspringen. Dazu wiederum seien belastbare Schadensmeldungen nötig. Bauern müssten ihre Ernteausfälle nachweisen. Hilfen gäbe es nur, wenn die Ernte um mehr als 30 Prozent unter dem Schnitt der vergangenen Jahre liegt.

Auch die Stundung von Steuerschulden oder Sozialversicherungsbeiträgen zieht das Landwirtschaftsministerium in Betracht.

Dem Bauernverband schweben vor allem Direkthilfen für einzelne Landwirte vor: „Es müssen kurzfristig die Betriebe unterstützt werden, die in ihrer Existenz akut bedroht sind“, sagt Generalsekretär Krüsken. „Wir wollen keine Hilfe mit der Gießkanne.“

Hilfen für Landwirte wegen Trockenheit sind in Deutschland selten. Im Dürrejahr 2003 verteilten Bund und Länder per Hilfsprogramm 72 Millionen Euro an existenzgefährdete Betriebe.

Doch nicht nur Bund und Länder spielen bei solchen Hilfen eine Rolle. Auch die EU hat bei Landwirtschaftsthemen ein entscheidendes Mitspracherecht. Brüssel hat aber bereits zugesagt, dass die Mitgliedstaaten die Bauern finanziell entschädigen dürfen, ohne vorher die EU-Kommission zu fragen. Hilfen von bis zu 15.000 Euro pro Betrieb dürfen demnach über drei Jahre ausgezahlt werden.

EU-Landwirtschaftskommissar Phil Hogan will den Landwirten zudem Subventionen früher überweisen. So sollen von den EU-Direktzahlungen 70 Prozent bereits Mitte Oktober ausgezahlt werden, statt erst im Dezember.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium verweist auch darauf, dass Bauern sogenannte ökologische Vorrangflächen ausnahmsweise für Futterzwecke ernten dürfen. Diese Flächen müssen eigentlich im Umweltinteresse genutzt werden. Die Ernte auf diesen Flächen dürfte aber wohl eher ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

Welche langfristigen Folgen könnte die Dürre für die Landwirtschaft haben?

Bauernpräsident Rukwied verlangt neben direkten Dürrehilfen auch eine steuerfreie Risikorücklage für Landwirte, um einen Finanzpuffer für schlechte Zeiten anzulegen.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), eine kleinere Alternative zum Bauernverband, sieht die Forderung nach staatlichen Hilfen kritisch. Sie forderte, dass Handel und Abnehmer den Landwirten höhere Preise zahlen sollten.

Agrarwissenschaftler Taube sieht auch die Politik in der Pflicht. Sie müsse über die bestehenden Transferzahlungen Anreize dafür setzen, dass das Risikomanagement der spezialisierten Betriebe verbessert werde. „Das heißt nicht, dass wieder jeder Landwirt alles machen muss“, sagt Taube. Aber Ackerbau- und Futterbaubetriebe könnten sich zum Beispiel geschäftlich zusammentun und so das Risiko streuen.

Der Grünen-Agrarexperte Ostendorff fürchtet, dass die aktuelle Dürre zum weiteren Sterben kleiner Betriebe beitragen könnte. Da gehe es nicht um klassische Pleiten nach einem Ernteausfall, es werde aber etwa für die nächste Generation noch unattraktiver, einen Hof weiterzuführen, sagt Ostendorff. „Die Höfe sterben leise.“