AUS DER PRESSE: RP – Dürre zeigt strukturelle Probleme der Landwirtschaft

Debatte um Dürre-Nothilfen für Bauern:

Die ungelösten Probleme der Landwirtschaft

 Angesichts der anhaltenden Dürre fordern Landwirte finanzielle Unterstützung. Doch es gibt auch die Forderung an die Bauern, generell auf eine umweltfreundlichere Landwirtschaft umzustellen. Was sagen die Bauern dazu, und wie können sie vorsorgen? Eine Bestandsaufnahme.

Heike Müller ist mit dem sehr eingeschränkten Sortiment eines Konsumladens in der DDR aufgewachsen. Der Supermarkt einer großen Kette sei für sie heute in Bezug auf Vielfalt und Standardqualität nahezu eine Offenbarung, schreibt sie auf Facebook. „Wer sind wir denn, dass wir hier über das Einkaufsverhalten unserer Mitmenschen die Nase rümpfen dürfen?“, fragt sie.

Heike Müller ist Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern und schreibt jetzt einen offenen Brief aus Verärgerung über Vorwürfe, ihr Verband und viele Bauern verstünden die Zeichen der Zeit nicht. Sie hält es für einen Trugschluss, dass für eine Umstellung auf eine umweltfreundlichere Landwirtschaft höhere Produktpreise verlangt werden könnten. Denn sie bezweifelt, dass Handel und Verbraucher zu teurer produzierten deutschen Lebensmitteln greifen, wenn keine entsprechende Nachfrage bestehe und aus dem Ausland weiter normale konventionelle Produkte geliefert würden.

Die ungewöhnliche wochenlange Hitze in diesem Jahr nach einem verregneten Sommer im letzten Jahr bringt einen Teil der Bauern in Existenznot. Ob, wie und wann Landwirte staatliche Hilfe bekommen, ist noch offen. Für die Zukunft bleibt die Binsenweisheit: Bauern können auf breiter Front traditionelle Wege nur verlassen, wenn die Menschen, für die sie die Lebensmittel produzieren sowie Tiere füttern und zum Schlachter bringen, auch bereit und finanziell überhaupt in der Lage sind, dafür mehr Geld zu bezahlen. Für die Mittel zum Leben.

Alle reden vom Klimawandel, aber die Minderheit fängt bei sich selbst an mit dem ersten wichtigen Schritt: umdenken. Eine Bestandsaufnahme.

  • Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbandes, fordert eine Milliarde Euro als Hilfe für die Landwirte. Was sagt er zum Vorwurf, sein Verband reagiere nicht auf den Klimawandel, und wie steht er zur traditionellen Landwirtschaft mit Massentierhaltung und Pflanzengiften?

„Wir wissen, dass auch wir Teil der Lösung sein müssen und wir handeln auch.“ Rukwied sagt damit im Subtext: Wir sind Teil des Problems. Das ist ein Fortschritt. Er spricht von einer selbst auferlegten Klimastrategie, „mit der wir uns selbst Emissionsreduktionsziele setzen“ und einer Ackerbaustrategie, „die eine eindeutige Veränderung hin zu noch mehr Nachhaltigkeit beschreibt“. In der Tierhaltung habe der Verband einen Vorschlag für eine verbindliche Herkunfts- und Haltungskennzeichnung gemacht.

  • Für die Grünen im Bundestag ist das aber lächerlich wenig. Warum?

Friedrich Ostendorff, Sprecher der Grünen für Agrarpolitik, sagt, der Bauernverband wehre sich traditionell mit der ihm zur Verfügung stehenden Lobbymacht gegen jegliche Reform hin zu einer verantwortungsvollen, ökologischen Landwirtschaft, die Klimaschutz, Tierhaltung und Flächennutzung in Einklang bringe. „Auch jetzt fordert er pauschal mehr Geld, statt einen Weg aus der Krise aufzuzeigen.“ Die Zukunft liege in einer ökologischen, umweltfreundlichen Landwirtschaft mit gesunden Böden, robusten Pflanzen und einer artgerechten Tierhaltung. Die Bundesregierung müsse zur Symptombekämpfung keine Dürreschäden bewerten. Sie müsse einen wirksamen Klimaschutzplan vorlegen, der Wege zu einer klimasensiblen Landwirtschaft aufzeige und ein anderes Wirtschaften ermögliche.

  • Was macht die Bundesregierung für die Landwirte? Wird es für sie Soforthilfen geben?

Erst einmal nicht – aber vermutlich bald. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sagt, zunächst müssten die Bundesländer die Schäden in ihren Regionen genau erfassen, die Ernteberichte lägen erst Ende August vor. Es gebe kein Steuerzahlergeld ohne Bedürftigkeit, ohne repräsentative Daten. Die Ministerin betont aber selbst, dass viele landwirtschaftliche Betriebe derzeit in Existenznöten seien, weil „das Korn am Halm vertrocknet“. Unions-Fraktionschef Volker Kauder sagte dagegen den Bauern Unterstützung zu. Es handle sich um eine Ausnahmesituation: „Wir sollten nicht kleinlich sein“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Mittwoch.

  • Können sich Bauern gegen Natureinflüsse wie Unwetter oder Dürreperioden versichern?

Der Bauernverband sagt, die Policen seien sehr teuer. Rukwied fordert deshalb eine ermäßigte Steuer auf Versicherungen wie gegen Starkregen, Hagel, Sturm und Starkfröste.

  • Wie können Bauern sonst noch vorsorgen?

Im Gespräch sind eine Risikoausgleichsrücklage oder eine Klimawandelrücklage, bei der die Bauern in guten Jahren eine steuerfreie Rücklage für schlechte Jahre bilden könnten.

  • Müssen Tiere angesichts des Futtermangels notgeschlachtet werden?

Von Notschlachtung wird gesprochen, wenn ein Tier krank oder verletzt ist – nicht, weil es früher als geplant zum Schlachter kommt. Aus der Not des Futtermangels heraus wurden aber im Juli viele Mastrinder zum Metzger gebracht, bevor sie das sonst übliche Schlachtgewicht erreicht hatten. Der Marktanalyst Matthias Kohlmüller von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft sagt, bundesweit seien im Juli im Vergleich zum Jahresdurchschnitt 20 Prozent mehr Tiere als sonst üblich geschlachtet worden und die Preise für das Fleisch so stark wie noch nie gesunken. Die Schlachtkuhpreise seien von 3,18 Euro um rund 40 Cent auf 2,80 Euro pro Kilogramm gesunken. Ein Viehhändler habe gesagt: „Auf einen Schlag melden Tierhalter mitunter 20 bis 30 Rinder an und fragen nicht einmal nach dem Preis, sondern: Wann kannst du kommen?“

Heike Müller, die Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, schreibt in ihrem offenen Brief übrigens noch süffisant: „Genießen Sie den Sommer – mit leckeren Produkten.“ Stellt sich die Frage, ob einem angesichts der ungelösten Probleme in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie nicht auch einmal der Appetit vergehen kann.

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