AUS DER PRESSE: BR – Ferkelkastration

Ferkel sollen bei der Kastration nicht mehr leiden – ab wann?

Seit fünf Jahren wissen Bauern und Politiker, dass sich etwas ändert. Vom 1.1. 2019 an dürfen männliche Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden. Die Umsetzung müsste eigentlich auf der Zielgeraden sein, doch das Bundeslandwirtschaftsministerium hält sich bedeckt. Die Bauern klagen über mangelnde Planungssicherheit. Die Grünen befürchten, dass alles auf einen Aufschub hinausläuft – zu Lasten der Tiere.

Es ist ein sensibles Thema. Bilder von kleinen Ferkeln, die kastriert werden, sieht kein Verbraucher gern. Das weiß auch Karlheinz Brand, Landwirt aus Schnelldorf in Mittelfranken. Für Ferkelerzeuger gehören sie aber zum Alltag. Rund 400 Zuchtsauen hat Brand in seinem vor vier Jahren neu gebauten Gebäude untergebracht. An den Zitzen der Sauen drängen sich die Ferkel. Die männlichen müssen kastriert werden, das macht der Landwirt selbst.

„Mit einer Schmerzspritze vorher, und dann wird nach der angegebenen Wartezeit die Kastration vorgenommen. Und das ist momentan Stand der Dinge, gesetzlich.“

Karlheinz Brand, Ferkelerzeuger aus Schnelldorf

Schmerz ausschalten, nicht mehr nur lindern

Ab dem 1. Januar 2019 ist das allerdings nicht mehr erlaubt. Die Ferkel dürfen dann nämlich keinerlei Schmerz mehr spüren. Sie müssen betäubt werden, die Schmerzspritze allein reicht dann nicht mehr aus. Die entsprechende Änderung im Tierschutzgesetz wurde vor fünf Jahren beschlossen.

Drei Alternativen

Was also tun? Es gibt bereits drei Möglichkeiten.

1. Der Landwirt kastriert die Tiere eben nicht. Auch wenn die Eberhaltung kompliziert ist und einige Eber sogenannte „Stinker“ sind – ihr Fleisch riecht beim Erhitzen unangenehm, diese Tiere müssen am Schlachtband aussortiert werden.

2. Variante zwei: Man kastriert die Tiere unter Vollnarkose.

3. Oder: Die männlichen Ferkel bekommen ein Mittel gespritzt, das die Hoden funktionsuntüchtig macht. Das nennt sich Immuno-Kastration.

Alle drei Varianten haben Vor- und Nachteile, zur Immuno-Kastration etwa sagt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Friedrich Ostendorff:

„Metzger, Fachleute sagen: wenn ein Hoden zu sehen ist, ist es ein Eber. Wir können an der Theke nicht nachprüfen, ob dieser Hoden funktionsfähig war oder nicht. Und Eberfleisch ist in Deutschland schwer verkäuflich.“

Friedrich Ostendorff, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

Bauernverband für den „Vierten Weg“

Der Bauernverband plädiert nun für eine zusätzliche Alternative, den so genannten „Vierten Weg“. Die Landwirte sollen die Ferkel selbst lokal betäuben dürfen vor dem Kastrieren. Für den Ferkelerzeuger Brand aus Schnelldorf ist diese Lokalanästhesie eine bezahlbare und praktikable Lösung. Es gehe doch letztendlich um den Tierschutz, sagt er, um das Ferkel. „Und nicht um irgendwelche Wünsche, die verschiedene Tierschutzorganisationen hier äußern.“

Kritik der Tierärzte

Die Bundestierärztekammer sperrt sich gegen den Vorschlag des Bauernverbandes. Sie will nicht, dass Laien die Spritzen setzen, sondern dass es weiter medizinischem Fachpersonal vorbehalten bleibt.

Skepsis auch im Bundeslandwirtschaftsministerium. In einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der FDP heißt es: Mit Procain oder Lidocain werde der Schmerz nicht ganz ausgeschaltet, egal ob ein Landwirt oder ein Tierarzt es verabreicht. Um den Vierten Weg zu erlauben, müsste der Gesetzgeber also das Tierschutzgesetz wieder lockern. Oder die Umsetzung verschieben – so lange, bis wirksame Mittel zugelassen sind, die den Schmerz nicht nur lindern.

Versprochene Einigung vor der Sommerpause kam nicht

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, CDU, muss mit ihren Länderkollegen festlegen, wie es ab 2019 weitergeht. Das zieht sich hin. Das Thema wurde zunächst von der Tagesordnung gestrichen, die versprochene Einigung vor der parlamentarischen Sommerpause blieb aus. Klöckner will dazu selbst nichts sagen, stand auch nach mehrfacher Anfrage nicht für ein Interview zur Verfügung. Das Ministerium äußert sich nur schriftlich und das eher unkonkret: Man sei im Gespräch mit den Ländern. Es gelte der Koalitionsvertrag, Union und SPD haben darin festgeschrieben, dass man sich um praxisgerechte Alternativen bemühen will, die auch dem Tierschutz entsprechen. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme des Ministeriums:

„Aus der Sicht der Bundesregierung sollte jeder Erzeuger das unter seinen Rahmenbedingungen geeignete Verfahren wählen können. Dabei ist die Einhaltung der geltenden Tier- und Verbraucherschutzvorschriften sicherzustellen.“

BMEL zum Stand der Verhandlungen

Die Immunokastration, so heißt es weiter, sei dabei eine Alternative.

Stichtag zu halten?

Der Grünen-Politiker Friedrich Ostendorff glaubt inzwischen nicht mehr daran, dass der Stichtag 1.1.2019 auch wirklich eingehalten wird. Ostendorff sagt, er befürchte, „dass diese Regierung wieder versuchen wird, es noch mal zu verlängern.“ Unterstützung komme von einigen Bundesländern, es gebe einen entsprechenden Antrag von Bayern und Mecklenburg, den auch einige andere Länder unterstützen.

Besamung im August noch sinnvoll?

Auch Ferkelerzeuger Brand aus Mittelfranken hätte gerne bald eine Entscheidung und damit Planungssicherheit. Die Geschäfte, sagt er, liefen ohnehin bereits schwierig. Da spielt seiner Ansicht nach auch die öffentliche Diskussion eine Rolle, die über die Art der künftigen Tierhaltung geführt wird.

Was die Ferkelerzeugung angeht, so ist laut Brand der August ein entscheidender Monat: Denn dann werden die Sauen besamt, deren Ferkel im Januar kastriert werden müssten. Einige seiner Kollegen, sagt Brand, wollen angesichts der Unsicherheit, wir es weitergeht, im August mit dem Besamen aufhören. Für Brand ein Zeichen dafür, „wie brennend das Problem momentan ist“.

 

https://www.br.de/nachrichten/unerlaubte-ferkelkastration-ist-der-stichtag-zu-halten-100.html